9 aktuelle Bürgerbeteiligungstools – und wie Sie diese einsetzen sollten

Bürgerbeteiligung ist in Mode. Immer mehr und immer öfter werden Fragestellungen in Kommunen mit Bürgerbeteiligungsverfahren angegangen. Damit sollen bessere und vor allem besser angenommene Lösungen gemeinsam mit Bürger:innen erarbeitet werden. Nicht immer allerdings ist Bürgerbeteiligung das richtige Instrument. Kommt es darauf an, welche Art der Bürgerbeteiligung genutzt wird, damit sie überhaupt erfolgreich sein kann?

In diesem Artikel lernen Sie neun Tools zur Bürgerbeteiligung kennen und erhalten dazu passend Tipps, wann diese Tools am besten eingesetzt werden können.


Inhaltsübersicht

  1. Bürgerbetiligung als wichtiges demokratisches Element
  2. Formelle vs. informelle Bürgerbeteiligung
  3. Übersicht: Ausgewählte Tools
  4. Und jetzt? Wie gehe ich mit diesem Methodenset um?
  5. Lassen Sie uns ins Gespräch kommen

Bürgerbeteiligung als wichtiges demokratisches Element

Bürgerbeteiligungselemente vergrößern meist das Spektrum an Lösungsmöglichkeiten, binden kritische Bürger:innen frühzeitig mit ein und erleichtern damit Akzeptanz und politische Durchsetzung von Projekten. Kurz: Sie können ein wichtiges Instrument für die Verwaltung sein, die Kommune zu gestalten und weiterzuentwickeln. Generell können Bürgerbeteiligungselemente in nahezu allen politischen Gestaltungs- und Entscheidungsfindungsprozessen eingesetzt werden.

In repräsentativen Demokratien haben Bürgerbeteiligungstools aber immer auch einen bitteren Beigeschmack:

  • Warum sollen die Bürger:innen gesondert und mit oft hohem Aufwand mit eingebunden werden, wenn dafür doch eigentlich gewählte Bürgervertreter:innen im Gemeinderat sitzen?
  • Werden diese in ihrer Aufgabe und Verantwortung damit nicht abgewertet?

Tatsächlich verbleibt das Entscheidungsrecht in den allermeisten Fällen von Bürgerbeteiligung beim Gemeinderat und somit ist das Prinzip der repräsentativen Demokratie gewahrt. Nur im Falle eines Bürgerentscheids ersetzt das Ergebnis, so es das Quorum erreicht, einen Gemeinderatsbeschluss.


Formelle vs. informelle Bürgerbeteiligung

Generell lassen sich formelle und informelle Bürgerbeteiligungstools unterscheiden.

Formelle Bürgerbeteiligungstools sind auf sehr wenige Fälle beschränkt und müssen ausdrücklich im Gesetz geregelt werden. Darunter fallen Bürgerentscheid und Bürgerbegehren genauso wie die Beteiligung in der Bauleitplanung. Sie bleiben in diesem Artikel ohne Berücksichtigung.

Informelle Bürgerbeteiligungsmöglichkeiten gibt es dagegen sehr viele verschiedene. insbesondere in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich die Bandbreite dieser Tools deutlich erweitert. Sie basieren im Kern alle darauf, Bürger:innen in einem Prozess in die Entwicklung von Ideen und Lösungen einzubinden, die damit qualitativ besser und leichter kommunizierbar und annehmbar sind.

Als vertiefende Lektüre zur formellen Bürgerbeteiligung sind folgende Beiträge am Beispiel Baden-Württemberg zu empfehlen:


Übersicht: Ausgewählte Tools

Wir betrachten neun informelle Bürgerbeteiligungstools, die zu verschiedenen Fragestellungen und Themen hilfreich sein können. Wir stellen die Tools sehr kurz vor und nennen exemplarische Einsatzbereiche sowie die voraussichtlich benötigten zeitlichen und finanziellen Ressourcen für den Einsatz dieser Tools:

Kurzüberblick – ausführlicher Einsatzüberblick als Download verfügbar.

Ideenwettbewerb: Bürger:innen oder eine bestimmte Zielgruppe werden eingeladen, Ideen für eine konkrete Fragestellung zu entwerfen und einzureichen. Eine Jury bewertet die Beiträge und zeichnet die besten Ideen aus. Ideenwettbewerbe lassen sich am besten einsetzen, um den Lösungsraum, also die Anzahl der potentiell zur Verfügung stehenden Lösungen zu vergrößern. Mit einem solchen Wettbewerb lassen sich in verhältnismäßig kurzer Zeit viele Ideen generieren, oft sind allerdings viele der Ideen auch nicht brauchbar. Für einen Ideenwettbewerb müssen Sie mit bis zu fünf Monaten Zeitaufwand rechnen.

Planspiel: In einem vorbereiteten Setting nehmen Bürger:innen bestimmte Rollen ein und bearbeiten konkrete Fragestellungen aus der Sicht ihrer Rollen. Planspiele dienen der Verortung und Beschreibung konkreter Probleme sowie zum Überprüfen des Problem-Solution-Fits. Fragestellungen können damit sehr präzise bearbeitet. Durch die Rollenverteilung können Restriktionen (z.B. beschränktes Budget oder rechtliche Einschränkungen) verständlich gemacht werden. Die Konzeption ist allerdings relativ aufwändig und die Teilnehmerzahl in der Regel begrenzt. Inklusive Konzeption sind für ein Planspiel ein bis drei Monate zu kalkulieren. Die eigentliche Durchführung dauert aber meist nur wenige Stunden.

Zukunftswerkstatt: In drei Phasen (Kritik, Fantasie, Verwirklichung) werden Herausforderungen mit kreativen Lösungsideen und Realisierungsansätzen verknüpft. Vor allem große Zukunftsthemen können so angegangen werden. Eine Zukunftswerkstatt erweitert den Lösungsraum, hilft also bei der Entwicklung eines breiten Lösungsspektrums sowie der Schaffung von Akzeptanz für Lösungswege. Welche Ideen entstehen, ist nicht immer vorhersehbar. Der gesamte Prozess für eine Zukunftswerkstatt dauert mindestens drei Monate und oft auch deutlich länger.

Stakeholderworkshop: Ein Workshop, in dem gezielt mit Stakeholdern einer eng umrissenen Thematik an einer Fragestellung gearbeitet wird. Stakeholderworkshops werden vor allem zur Problemerfassung und -verifikation sowie zur Erweiterung des Lösungsraums genutzt. Zudem helfen Sie, schnell eine hohe Akzeptanz für Lösungen bei den beteiligten Stakeholdern und darüber hinaus zu erreichen. Die Teilnehmenden sind dabei aber meist nicht neutral, sondern verfolgen oft ihre eigenen Interessen. Zusammen mit der Vorbereitung ist mit etwa ein bis drei Monaten zu rechnen.

PIA – Participatory Integrated Assessment: Eher komplexer, strukturierter Prozess, bei dem mit Interessensvertreter:innen und Expert:innen verschiedene Dimensionen (z.B. ökologisch, sozial, wirtschaftlich) eines Themas sowie die Auswirkungen von möglichen Entscheidungen bewertet werden. Im PIA werden typischerweise verschiedene Methoden wie Stakeholderworkshops oder Fokusgruppen kombiniert. Der breite Ansatz hilft vor allem dabei, das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu bewerten und Akzeptanz zu schaffen. Der gesamte Prozess wird spürbar mit Expertenwissen angereichert, ist allerdings sehr zeitaufwändig auch für die beteiligten Interessensvertreter:innen. Seine Dauer reicht von mehreren Monaten bis zu einem Jahr.

Open Space: Effizientes Format zur Einbindung einer großen Teilnehmendenzahl über mehrere Tage hinweg mit meist einem konkreten Handlungsplan als Ergebnis. Über Open Space Projekte kann den Lösungsraum um einen sehr konkreten Handlungsplan erweitert werden, der aus einer Vielzahl von Inputs entstanden ist. Mit dem Format lassen sich auch große Teilnehmerzahlen inkludieren und konfliktbehaftete Themen bearbeiten. Eine enge Themenfokussierung dagegen ist eher schwierig. Mit ein bis zwei Monaten ist für den Gesamtprozess mindestens zu rechnen.

Community Lab: In einer Lokalität angesiedeltes kommunales Innovationslabor, in dem Ideen zu Fragestellungen unter Anleitung entwickelt und ausprobiert werden können. Als Lokalität kann z.B. ein Innovations- oder Gründungszentrum genutzt werden. Im Community Lab können vermutete Probleme verifiziert werden, Akzeptanz aufgebaut und das Kosten-Nutzen-Verhältnis geklärt werden. Meist erweitert es auch den Lösungsraum. Die eingebundenen Bürger:innen zeigen meist ein hohes Commitment und machen damit kommunale Innovationsideen sichtbar. Der Prozess dauert mindestens mehrere Wochen, im Optimalfall aber mehrere Monate bis hin zu mehreren Jahren

Bürgerkommunikation: Bürger:innen werden gezielt in Gestaltung und Inhalt der Kommunikation von einzelnen Projekten eingebunden. Damit wird für Sichtweisen und Themen eine höhere Akzeptanz erreicht. Die authentische und bürgernahe Kommunikation kann relevante Punkte gezielt adressieren, darf aber auf keinen Fall in eine reine PR-Maßnahme abdriften. Die Einsatzdauer kann von wenigen Wochen bis hin zu vielen Monaten reichen.

Digitale Begleitung: Über digitale Tools (Webseiten, Apps, Soziale Medien) werden Bürger:Innen informiert und in einzelne Gestaltungsprozesse (z.B. über Umfragen, Feedbackmöglichkeiten oder so grafische Mitgestaltung) mit eingebunden. Diese Vorgehensweise hilft bei der Überprüfung von Ideen auf Passung sowie dabei, Akzeptanz zu schaffen. Sie ermöglicht die Streuung an viele Menschen und die Mitwirkung von Bürger:innen ist für diese niederschwellig und wenig zeitintensiv. Vor allem die ältere Bevölkerung wird damit allerdings schlechter erreicht. Manchmal kann das ja aber auch ein Vorteil für ein Projekt sein. Um ausreichende kommunikative Durchdringung zu erreichen sind in aller Regel mehrere Monate notwendig.

Holen Sie sich jetzt die übersichtliche Tabelle mit ausführlicher Methodenbeschreibung und Einsatzübersicht.

Methodenset & Einsatzübersicht:
9 aktuelle Bürgerbeteiligungstools
Jetzt downloaden


Und jetzt? Wie gehe ich mit diesem Methodenset um?

Aus diesen und zahlreichen weiteren Methoden stellen Sie im Einzelfall das passende Methodenset zusammen. Für Projekte mit langfristigem Zeithorizont sollte besonders viel Wert auf die richtigen Methoden gelegt werden:

  • Strategie- oder Zielbildentwicklungen
  • Lösungen zu Klima und Mobilität
  • Lösungen zu Wohnen und Stadtentwicklung
  • Themenspezifische Handlungsprogramme

Hier gilt: Lieber im Prozess präzise und wohl überlegt arbeiten, als später mit unzureichender Strategie oder nicht realisierbaren Ergebnissen da zu stehen.

Im Podcast „Die Innovationskiste“ spricht der Wirtschaftsförderer der Stadt Konstanz, Friedhelm Schaal, über ein solches umfangreiches Projekt. Die Erarbeitung des sogenannten „Handlungsprogramm Wirtschaft“ erstreckte sich über zweieinhalb Jahre. Dabei war es besonders wichtig, Unternehmer:innen und Akteure aus der Wirtschaft sowie aus den Verbänden aktiv und gestaltend in den Prozess mit einzubinden, um eine möglichst hohe Akzeptanz in der Zielgruppe und vor allem auch eine hohe Realitätspassung zu erreichen.

Mehr über dieses Projekt und die eingesetzten Methoden zur Bürgerbeteiligung in der Folge „Titel hier einfügen“. Hier reinhören:

Auch auf der Seite der Stadt Konstanz gibt es dazu weitere Informationen: https://www.konstanz.de/wirtschaftsfoerderung/standort+konstanz/handlungsprogramm+wirtschaft+2030

Mit deutlich geringerem „Methodeneinsatz“ und dafür in der Regel sehr zielgruppenorientiert können Einzelprojekte angegangen werden:

  • Entwicklung eines Baugebiets
  • Entwicklung eines Schul-, Gesundheitszentrums
  • Entwicklung eines Gründungszentrums
  •  Entwicklung eines Innenstadtkonzepts

Hier geht es darum, den Fokus zu behalten und das Gesamtprojekt nicht unnötig ausufern zu lassen.

Hier noch einige spannende Links mit weiterführenden Informationen zum Thema Bürgerbeteiligung:


Lassen Sie uns ins Gespräch kommen

Zum Abschluss laden wir Sie sehr gerne dazu ein, mit uns gemeinsam zu überlegen, wie Sie Ihrem Anliegen über die richtigen Bürgerbeteiligungstools den richtigen Drive geben können. Vereinbaren Sie einfach einen ersten unverbindlichen Termin mit unserem Bürgerbeteiligungsexperten Moritz Meidert.

Moritz Meidert
Partner kommunale Projekte | Geschäftsführer
meidert@newcities.de
Calendly
LinkedIn